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Gewissen, das sanfte Ruhekissen?

Ein Beitrag von Bernd erstellt am 18.08.2009   

"Gewissen und Feigheit sind in Wirklichkeit ein- und dasselbe. Das Gewissen ist nur der öffentliche Geschäftsname der Doppelfirma."
Oscar Wilde aus "Das Bildnis des Dorian Grey"

Macht sich das Gewissen eigentlich vor, während oder hinter Handlungen bemerkbar?

Machte es sich überhaupt bemerkbar, wenn unsere Handlungen der Norm, der allgemeinen Auffassung von Moral entsprechen?

Bemerken wir das Gewissen erst, wenn wir entgegengesetzt gehandelt und dann ein schlechtes Gewissen haben?

Dann können wir sicherlich nicht oder nur schlecht schlafen, weil uns unsere Tat, die moralisch verwerflich war, nicht in Ruhe läßt. Das Gewissen hat uns gepackt und fordert uns zur Reue, zur Wiedergutmachung, zur Rückkehr auf.

Wieviel von unserem Gewissen, von der Vorstellung von Ethik und Moral sind eigentlich angeboren, durch Gene weitergegeben und wieviel ist durch Erziehung vermittelt? Erziehung durch Elternhaus, durch Kindergarten, Schule, auch Kirche? Würden wir gewissenlos sein ohne die zehn Gebote? Wüßten wir dann nicht, daß wir nicht stehlen oder töten sollen?


18. August 2009

Bernd

 




Kommentar von Bernd zuletzt gesendet am 28.08.2009 21:57:49   

Einige Anmerkungen zu dem von mir gewählten Eingangszitat:

Erstens bin ich ein Freund des geschliffenen Wortes. Ich liebe solche Wortspiele, Spielereien mit unserer Sprache.

Zweitens hat Oscar Wilde wunderbare Aphorismen geschaffen, die sicherlich auch in 100 Jahren noch genauso mit Begeisterung gelesen werden wie heute (das hoffe ich wenigstens!). Zwei Zitate von ihm seien hier noch erwähnt, um das vorgesagte zu unterstreichen.
Er starb verarmt und ohne viel Freunde in Paris. Trotzdem hatte er ein schönes Zimmer, gutes Essen und guten Wein. "Ich sterbe über meine Verhältnisse".
Er war sich über seine Situation durchaus im klarem, deshalb ist das folgende wirklich witzig und geistreich, gesagt beim Anblick der Tapete:
"Entweder geht die Tapete oder ich!"

Drittens muß man die Umstände berücksichtigen, in denen O.W. geschrieben hat. Ende des 19. Jahrhunderts herrschte in England eine Atmosphäre von Doppelmoral (Ich kenne kaum ein größeres Feindbild für mich als Doppelmoral!). Wilde war zwar verheiratet und hatte zwei Töchter, aber er war auch homosexuell veranlagt. Homosexualität war in England zu der Zeit nicht strafbar, wurde eher unter den Teppich gekehrt. Das galt allerdings nicht für den Umgang mit männlichen Prostituierten. Das war strafbar. Und genau das hat Wilde das Genick gebrochen. Verleumdet wegen Homosexualität, zur Wehr gesetzt vor Gericht gegen die Verleumdung und dann untergegangen, weil er vom Kläger zum Angeklagten wurde. Zwangsarbeit, Krankheit, früher Tod.

Mein Zitat über das Gewissen sollte also unter Berücksichtigung des vorgenannten gesehen und bewertet werden, immer aber auch mit einem Zwinkern im Auge. Er hätte es sicherlich so gewollt!


28. August 2009

Bernd




     


Kommentar von Bernhard zuletzt gesendet am 09.09.2009 07:16:31   

Deine Fragen hören sich an, als würdest Du kein schlechtes Gewissen kennen ;-) Dafür kann es zwei Gründe geben.

Die erste Möglichkeit könnte sein, dass Du in Deinem Leben bisher immer so brav gewesen bist, dass Du nie ein schlechtes Gewissen hättest haben müssen. Diese wahrscheinlich realitätsnaheste Variante setzt voraus, dass Dir die Wertevorstellungen, die Dir durch Erziehung, Schule und Kirche beigebracht wurden, präsent sind und Du sie bei Deinen Handlungen oder bei Deinem Nichtstun bewußt berucksichtigt hast. Nach dem, was Dir die Kirche dafür versprochen hat, kommst Du dann bestimmt in den Himmel.

Die andere Möglich ist, dass Du im Laufe Deines Lebens eigene Wertevorstellungen entwickelt hast. Als Grundlage dafür diente sicherlich auch Erziehung, Schule und Kirche, denn ich gehe davon aus, dass Ethik und Moral nicht angeboren, sondern anerzogen sind, allerdings hast Du diese Vorstellungen für Dich geprüft und bewertet und Dir Deine eigene Meinung darüber gemacht. Du hast diese Moral- und Ethikvorstellungen und -grenzen vielleicht sogar noch erhöht, hast sie modifiziert angenommen oder sie verworfen. Du lebst also nach Deinem eigenem Verhaltenskodex. Auch dann würdest Du nie ein schlechtes Gewissen bekommen.

Noch einmal zurück zur ersten Möglichkeit. Nehmen wir an, jemand hätte es in seinem Leben noch nicht geschafft eine individuelle Persönlichkeit (mit aus Erfahrung gewonnenen bewussten Wertsetzungen) zu werden, und dieser jemand würde etwas tun (oder unterlassen) was gegen die verinnerlichten Vorstellungen der Eltern und der Gesellschaft verstößt. Dieser Jemand würde in einen Konflikt mit sich selbst und seinem "Über-Ich" geraten. Dadurch würde dieser Jemand sich wahrscheinlich schlecht fühlen.

Wann entsteht dieser Konflikt? Als Zeitpunkt kann ich mir den Punkt vorstellen, in dem das "Über-Ich", also sein durch Eltern und Gesellschaft gebildetet Bewusstsein, stärker wird als sein eigenes, individuelles Bewußtsein. Und das wiederum hängt von der individuellen Persönlichkeit des Menschen ab. Der eine gerät bereits in einen Konflikt, wenn er nur daran denkt, den verbotenen Apfel zu pflücken, bei dem anderen stellt sich das "schlechte Gewissen" erst ein, nachdem er in den Apfel gebissen hat. Auch die Heftigkeit des Konfliktes wird bei jedem Menschen unterschiedlich sein.

Eigentlich wollte ich zum Schluss einige Sätze zu den zehn Geboten sagen, die übrigens ursprünglich nichts mit der Anzahl "10" zu tun haben, die einzelnen Sätze wurden erst viel später in 10 unterschiedlichen Forderungen formuliert. Aber das Thema ist mir dann doch zu umfangreich und nicht mit ein paar Sätzen abzuhandeln. Vielleicht in einem der nächsten Themen.

Frankfurt, 09.09.09

Bernhard


     


Kommentar von Bernd zuletzt gesendet am 14.09.2009 22:40:42   

Ich habe ein großes Problem, in den Himmel zu kommen.
Ich will es mal mit einem Zitat von Georg Christoph Lichtenberg begründen: "Ich danke Gott jeden Tag, daß er mich zu einem Atheisten hat werden lassen."

Da mir die 10 Gebote nicht gereicht haben, habe ich natürlich eigene Wertvorstellungen entwickelt. Das wird wohl jeder Mensch machen, sofern er denn nicht von einer Ideologie verblendet ist und seinen Menschenverstand noch gebrauchen kann. Und wenn ich nach diesen Wertvorstellungen lebe und sie strikt einhalte, habe ich natürlich niemals ein schlechtes Gewissen.

Wenn...

Einem normalen Menschen mit klarem Verstand würde ich allerdings niemals abnehmen, daß er in einen Konflikt gerät, wenn er nur daran denkt, den verbotenen Apfel zu pflücken. Zumindest könnte dieser Mensch nie im Dunkeln schlafen, da sich ein Heiligenschein nicht abschalten läßt. (Hat eigentlich ein Heiligenschein etwas mit scheinheilig zu tun?)


14. September 2009

Bernd


     



 









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